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"Trauer-Marsch" 1928-1930
16 Hefte ohne Nummern
”Ich arbeite schon vile Jahre an einem sehr schönen und starken Trauer-Marsch, der insgesamt 8850 je schöne Marsch-Lieder bekommt. 7150 Lieder dafohn sind schon gemacht. Dazwischen kommen je partienweise zahlreiche schöne Gedichte, Rätsel, Humoresken und Juxe: Reise-Geschichten! Jäger-Geschichten und Kriegs-Geschichten! Sowie eine ganz respektable Anzahl schöner Bilder. Das ganze Werk, wenn’s einmal fertig ist, hat den tadellosen Wert von 55'000 Fr.” Adolf Wölfli 1929

Adolf Wölfli
"Campbell's Tomato Soup", 1929
S.3359 aus dem "Trauer-Marsch"

Adolf Wölfli
"Kautschuk Rad", 1929
S.3481 aus dem "Trauer-Marsch"

Adolf Wölfli
"Monarch Coffee", 1929
S.3456 aus dem "Trauer-Marsch"
Der „Trauer=Marsch“ bildet den Abschluss von Wölflis dichterischem Schaffen. Während der letzten zwei Jahre seines Lebens arbeitete er unablässig daran. Die Krankengschichte dokumentiert seinen ungebrochenen Willen, das Werk zum Abschluss zu bringen. Auch eine schwere Magenoperation im März 1930 konnte ihn kaum in seinem Arbeitsdrang hemmen.

Bei den Illustration des Trauer=Marsches arbeitet Wölfli nahezu ausschliesslich mit Collagen. Er klebt sie vorwiegend am unteren oder oberen linken Rand der Seiten ein, gelegentlich plaziert er sie auch als Medaillons in die Blattmitte, manchmal ergänzt er sie mit Vögeli. Als Bildmaterial benützte Wölfli Reproduktionen aus neueren illustrierten Zeitschriften, zum grossen Teil aus „Illustrated London News“. Dabei zeigt er trotz seines isolierten Lebens in der Anstalt eine grosse Treffsicherheit im Aufspüren aktueller Themen: Sport, Film, Technik, Grossstadtleben, Bergwelt, Reklamewesen etc..Auch Motive seiner Schriften werden noch einmal im Konzentrat vorgeführt: Frauenschönheit, Mutterliebe, häusliches Glück und Wohnkomfort (als Gegensatz zu seinem ärmlichen Zuhause), politische und finanzielle Macht, Berge und Gletscher,.exotische Tiere und Reisen, Unglücksfälle und Umweltkatastrophen, etc.

Wölflis lapidares Vorgehen, die Abbildungen in Rohform als Illustrationen dem Text beizufügen, gibt Aufschluss darüber, was an diesen Motiven, losgelöst vom Drama der eigenen Erlebnisse, für ihn eine selbständige Bedeutung erhalten hatte. Die Bilder dokumentieren das Wiederfinden der von ihm erdachten und erbauten Eigenwelt in der Aussenwelt. Sein Verfahren, mit vorgegebenen Bildern persönliche erzählerische und bildnerische Themen zu zitieren, stellt eine Verbindung seines privaten zu dem öffentlichen, allgemeinen Leben her. Doch obwohl Wölfli mit der Verwendung der Abbildungen aus Zeitschriften und dem Auffinden seiner Motive in diesen Bildern aus sich herauszugehen und sich der Aussenwelt zu öffnen scheint, nimmt er doch jedesmal diese Motive gleichsam wieder aus dem Bild zu sich, "i d'Wiiga", zurück.

(Elka Spoerri)