"Geographische und Allgebräische Hefte" 1912-1916
(Heft Nr. 6, 7, 8, 11, 12, 13, 14)
 Adolf Wölfli
"Poli-Chinelle. Zwetschgen-Königinn.
Chritwald-,Zwetschge Zinsrechnung"
1912 |  Adolf Wölfli
"Grammaphon", 1915 |
Im Schulheft Notitzen von Adolf Wölfli 1B, 1912, gibt Wölfli eine Bestellung für "100, bis 120 Stük ächte, guhte und praktische Fahrben=Stifte: Sistem, Faab'r, Nürnberg mit ungefährbtem Holtzumschlag, per Schachtel ... 12 Stük, alsoh, 10, oder 12 Schachteln. Sowie eine Rolle frisches Zeitungs=Papier ... zirka 100 oder, 120 Bogen: Zwecks eines hochelegantten Musik=Büchleins, welches ich innert den nächstfolgenden Jahren mit höchst eigener Hand dichten, Componieren, Zeichnen, event. Verfertigen und hehrstellen will, um dasselbe, gleich wie das letzte von mihr verfertigte Büchlein mit dem Tittel: Wissenschaftlich und natuhrvorschende Reisen, Jagden, Unglüks=Fälle, Abentheuer und sonstige Erlebnisse eines Verirrten auf dem gantzen Eerd=Ball herumm: Oder, ein Diener Gottes, ohne Kopf, ist ärmer als, der ärmste Tropf [Von der Wiege bis zum Graab]. ... Das Musik=Büchlein, welches ich zu verfertigen beabsichtige, erscheint denn gedrukt untt'r dem Tittel 'Indischer Roosen=Gaarten und, Chineesischer Hexen=See'."
In den „Geographischen und Allgebräischen Heften“ gibt Wölfli keine textbezogenen Illustrationen. Er entwickelt zwischen 1912 und 1916 zwei neue Bildtypen: Zahlenbilder und Notenbilder. Zahl und Musik sind die Darstellungsformen, die er für die Errichtung der Skt.Adolf Schöpfung und der abstrakten kosmischen Welt benützt - im Gegensatz zu den bildnerisch-figurativen, textbezogenen Illustrationen in „Von der Wiege bis zum Graab“. Das Fehlen illustrativer Zeichnungen in diesen Heften erklärt sich möglicherweise aus der rasanten Dynamik, mit der Wölfli in immer neuen Gründungsunternehmen die Errichtung seiner kosmologisch orientierten neuen "Skt. Adolf=Schöpfung" in die Wege leitet. Die Erschaffung seines Weltreiches nimmt seine ganze gestalterische Energie in Anspruch.
Die Zahlenbilder haben ihren Ursprung in den Zinsrechnungen von Wölflis imaginärem Vermögen. Sie spiegeln nicht nur Wölflis Ordnungsbedürfnis, sondern auch seine Faszination von der Macht eines wachsenden Finanzkapitals. Die Illustrationen der Hefte Nr. 6, 7, 8 (1912), im Heft Nr. ll (1913) sowie im ersten Teil des Hefts Nr. 12 (1914) sind überwiegend Zahlenbilder, sie sind an den Rändern mit figürlichen Darstellungen kombiniert: Doufis Stürze, Hinrichtungsszenen sowie Figuren und Gebäude. Auch ohne zeichnerische Beigaben sind die Zahlentabellen mit ihren mit Bleistift und Farbstift ausgeführten Reihungen graphisch sehr wirkungsvoll. Im zweiten Teil von Heft Nr. 12 schreibt Wölfli die Zahlentabellen sowohl in Zahlen als auch in Worten mit den Namen seines erfunden Zahlensystems und kombiniert sie jetzt mit Partien von Notenzeichnungen. Nach Heft Nr. 12 verschwinden die Zahlenbilder.
Die Notenbilder treten erstmals am Schluss von Heft Nr. 11 in einer Folge von fünfzehn Zeichnungen auf. Die ersten sieben Zeichnungen sind Querformate, die an konventionelle Musiknotationen erinnern. In den folgenden acht Blättern geht Wölfli zu spiralförmigen oder mandalaartigen Bilder über. Ab Mitte des Hefts Nr. 12 kommen die Notenbilder immer häufiger vor und dominieren im Heft Nr. 13 als überwiegend ganzseitige, querformatige Kompositionen. Allmählich geraten die Notenaufzeichnungen in Bewegung: Sowohl die Noten wie die Zwischenräume werdem zu Bildelemente, lesbar als Positiv- oder Negativformen. Beim Betrachter bewirkt diese Verschränkung der formalen Elemente ein irritierendes optisches Wechselspiel von Hell und Dunkel, Innen und Aussen, Vordergrund- und Hintergrundformen. Meistens mit Bleistift ausgeführt, wirkt das dichte Notengewebe grau-bleiern und dunkel. In die vertikalen Mittelachsen der Kompositionen setzt Wölfli mit der Zeit farbige Figurendarstellungen, Kreuzigungsszenen.Aufbahrungen oder Reihungen von gekrönten Gesichtern ein. Im Heft Nr. 13, 1915, treten die ersten sechs Collagen auf: Wölfli fügt in die Zwischenräumen der Notenbänder anstelle von Zeichnungen Klebebilder ein. Ab Ende 1916, in Heft Nr. 14, wird die Musik in Solmisation.aufgeschrieben; Musikaufzeichnungen mit Notenzeichen, Notenbilder, kommen als Illustrationen in den Heften nach 1916 nicht mehr vor, sie sind nur als kleine Partien in den Brotkunst-Zeichnungen zu finden.
Augenmaske: Ab 1912 wird der Blick nach rechts seitwärts gerichtet so dass das Auge in ein schwarze und eine weisse Form geteilt wird. Die schwarzen Kreise um die Augen werden immer breiter und schliessen sich allmählich in der Mitte zusammen. In diesen schwarzen Umrandung der Augen bleiben manchmal die Augenlider als weisse Linie sichtbar. Ab Mitte 1915 breitet sich die schwarze Form bis zu den Schläfen des Gesichts und wird zur Augenmaske. Diese Maske entwickelt sich gleichzeitig mit dem Aufkommen der Notenbilder, 1913-1916, in einer Zeit also, als Wölfli auf illustrative Zeichnungen zusehends verzichtet und die Figuren immer mehr stilisiert. Ab 1916 -- das Jahr der Umbenennung seiner Person in "Skt.Adolf II." -- werden die Gesichter zu Wölflis Emblem, das einen unauslöschlichen Eindruck auf den Betrachter hiterlässt.
Am Ende seines Lebens, in den Jahren 1927 bis 1930 löst sich die Maske allmählich auf, die Augenpartie und die Wangen werden mit einer grauen Schicht bedeckt. In einigen Zeichnungen fällt dieser graue Schleier auch weg, die Augen bleiben unbedeckt und der Blick richtet sich geradeaus.
(Elka Spoerri)