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„Von der Wiege bis zum Graab“ 1908-1912
(Hefte Nr. 1, 2, 3, 4, 5, 9, 10, 1.A., 17)
„Zeichnet weniger. Dafür schreibt er jetzt Geschichten, allerlei konfabulierte Selbstbiographien, in denen er in den verschiedensten Weltteilen alles mögliche erlebt hat, Räuberangriffe, Schiffsunglücke, Kämpfe mit Wilden, in den Städten hat er Theater und Concerte besucht etc.“ 25. September 1908
„Zeichnet noch viel und schreibt an seiner Biographie weiter, er will aber seine Produkte nicht verkaufen, um kein Geld, höchstens ausleihen. Als er neulich von der Bildhauerin Th. Ries aus Wien besucht wurde, der Schwester von Dr. Ries [Ärztin in der Waldau), gab er ihr einige sehr gute Antworten, auch ihr wollte er nichts abgeben.“ 11. Oktober 1911
„Zeichnet fleissig, da er viele Farbstifte bekam, zeichnet jetzt recht schön, hat mehr Abwechselung, seine Zeichnungen werden von Künstlern als künstlerisch eingeschätzt.“ 11. März 1916


Adolf Wölfli
"Die Skt. Wandanna-Kathedrale in
Band-Hain", 1910

Adolf Wölfli
"Geographisches Karte der beiden
Fürstentümer Sonoritza und
Willi-Wand-West", 1911

Adolf Wölfli
"Rosalia Walther, Grand-Hottelierin auf
Niezohrn-Kulm", 1911
Wölfli gestaltete jede Seite in abgeschlossener Mise en page. Auch die Textseiten ohne Illustrationen sind visuell gestaltet. Ihr wichtigstes Element ist die in gleichbleibendem Rhythmus sich fortbewegende Handschrift. Die Buchstaben reihen sich aneinander, geladen von Energie und schwerblütig zugleich. Aus dem regelmässigen Schriftbild treten einzelne Buchstaben und Worte durch Vergrösserung oder Farbe hervor. Ab 1910 wird der Schriftzug grösser, einzelne Passagen oder einzelne Zeilen werden gelegentlich in verschiedenen Farben ausgeführt. Dehnungen bestimmter Worte durch Silbenwiederholungen und Buchstabenreihungen über eine ganze Seite setzen graphische Akzente.

Die Faszination der Illustrationen in Wölflis erzählerischem Werk geht nicht allein von den einzelnen Zeichnungen aus. Beim Durchblättern der Hefte fesselt besonders auch die eigenwillige Verflechtung von Text und Zeichnung. Die Illustrationen in den Heften sind formale und inhaltliche Bestandteile des fortlaufenden Textes. Sie bilden mit ihm eine Einheit - als Zierbuchstaben, Zierleisten, Vignetten, Randleisten, kleine in sich geschlossene Kompositionen bis hin zu ganzseitigen Bildern.

Die acht Hefte des Buches „Von der Wiege bis zum Graab“ enthalten über 752 mit Bleistift und Farbstift gezeichnete Illustrationen. Sie sind nicht gleichmässig über die 2970 Seiten der Hefte verteilt. Den grössten Teil der Zeichnungen, 1910 und 1911 entstanden, hat Wölfli in dichter Folge in Heft Nr. 4 eingebunden. Viele der ganzseitigen Illustrationen zeichnete er auf grossformatige Blätter im Mass von ca. 100 x 75 cm und grösser, die er ähnlich den damals beliebten Panoramabildern mehrfach faltete und so dem Format der Hefte anpasste. Heft Nr. 5 schliesst mit einer zwölffach gefalteten Zeichung „Alibii“ der Grösse von 468 x 70 cm.

Wölfli arbeitete bei den Illustrationen der Hefte mit dem seinen Zeichnungen eigenen, unverwechselbaren ornamentalen Formenvokabular, das bereits in den 1904-06 entstandenen Blättern vorgegeben ist (siehe auch Frühwerk). In den Illustrationen lockert sich das Ornamentgerüst, das in den frühen Zeichnungen noch wesentlich strenger gebaut war: Figuren und Gegenstände lösen sich aus der ornamentalen Verflechtung, die Kompositionen werden freier, vielschichtiger und reicher an illustrativen Motiven. Im Unterschied zu den Zeichnungen von 1904-06, enthalten die Illustrationen kleinere und grössere
Partien von Musikaufzeichnungen mit Noten.

Ab 1908 entwickelte Wölfli das wichtigste Motiv seines Formenvokabulars, das „Vögeli“, in seiner endgültigen Form. Die Körper der Vögelis setzen sich aus länglichen Wülsten mit zwei Vorderfüssen zusammen. Der Kopf zeigt einen Punkt und ein längliches Oval in der Form eines Semikolon, das Auge und Ohr (oder Mund) sein kann. Diese Urgebilde mit Auge, Ohr und Mund könnten als Sinnbilder für Halluzinationen gedeutet werden. Die Vögeli sind aber auch Bausteine, serielle Elemente, aus denen ganze Figuren zusammengesetzt sind. Ob als Baustein, Gliederungselement, Füllform oder Symbol, das Vögeli ist ab 1908 in allen Zeichnungen Wölflis präsent. Es bildet ein Gegengewicht zu den statuarisch unbewegt gestalteten Gesichtern, wie es Harald Szeemann charakterisiert: "Das Vögeli ... ist ... das allgegenwärtige Füllsel. Ein personifiziertes Füllsel; denn während Wölfli Gesichter eher stereotyp, zwar nach Geschlecht unterschieden gibt, also jede psychologisierende Expressivität meidet ... erhält das Vierelemente - und Sechssinnsymbol des Vögelis Physiognomie durch Grösse, Farbgebung, Modellierung, Stellung. Es ist Baustein und Urschlamm, es ist Geschlecht und Geschlechtsbedrohung, Stimme und Gehörblase, es ist das schmiegsame, niedliche oder das lauernd erdückende Rundum, das nur durch Schreiben und Musik in seine Schranken gewiesen werden kann ..."

Die ganzseitigen Illustrationen mit figürlichen Kompositionen, labyrinthähnlichen Bauten, eigenwilligen Landschafts- und Landkartenbildern oder Mandala-Kompositionen, nehmen auf den Inhalt der Erzählung Bezug. Familienangehörige und Freunde sowie Prinzessinnen, Fürsten und Könige, denen Wölfli auf seinen Reisen begegnet, werden dargestellt. Seine eigene Person gibt er konsequent als das Kind Doufi wieder. Die Figuren werden als Einzel- oder Gruppenbildnisse, im häuslichen Alltag, bei Tanzfesten, Liebesumarmungen und Kopulationszenen gezeigt. Da Wölfli die Menschen fast ausnahmslos mit einem Kreuz auf dem Kopf zeichnet, entsteht irrtümlicherweise der Eindruck, es handle sich um Heilige. Wölfli nimmt damit bildnerisch ein Motiv vorweg, das auf die später von ihm proklamierte Heiligsprechung seiner Person sowie seiner Familie und Freunde vorausweist.

Es finden sich zahlreiche Illustrationen von vermenschlichten organischen Wesen, von "intelligenten", "lachenden", "fliegenden", "sprechenden" Blumen und Früchten. Für Wölfli ist das Motiv der Blume im allgemeinen ein Bild der weiblichen Schönheit: Blumen haben Mädchengesichter, zumeist handelt es sich um Bildnisse von Prinzessinnen.

Architekturdarstellungen - Kirchen, Türme, Bauernhäuser, Schlösser, Denkmäler - stehen in den Illustrationen mehr im Mittelpunkt als in den frühen Zeichnungen, sie sind grösser und mit phantastischen Details ausgeschmückt. Wölflis Vorstellungen von fremden Orten sind entscheidend durch das Stadtbild von Bern geprägt. Die Walfisch-Topographie der von der Aare eingegrenzten Altstadt, der Aufbau der Stadt in zwei Etagen, die Brückenbogen, Strassenarkaden und Brunnenfiguren, das Münster, die Uhr- und Glockentürme - mit all diesen Elementen aus seiner bekannten Umgebung charakterisiert Wölfli auch die fremden Orte und Sehenswürdigkeiten. In einer Illustration im Heft Nr. 4 stellt er eine Irrenanstalt, die "Irren-Anstalt Band-Hain in Grönland" dar. Er zeichnet hier das Bauschema der Irrenanstalt Waldau aus der Vogelperspektive. Diese Ballonaufnahme der Waldau, aufgenommen vor 1907, muss er von einer Postkarte gekannt haben. Es ist das einzige uns bekannte Beispiel, bei dem Wölfli sich direkt an einer bildlichen Vorlage orientiert - sonst arbeitet er nach der Erinnerung und aus der Phantasie.

In den topographischen Zeichnungen der Landschaften klingen Erlebnisse an seine Kindheit in den Alpen nach. Eindrücklich schildert er 1908 eine "Feernsicht" vom Gipfel des Hohgants bei Schangnau nach allen vier Himmelsrichtungen, ein Höhenerlebnis, das er ähnlich in seinen Panoramabildern widergibt. Wölfli fasst Landschaften und Ortstopographien so zusammen, wie sie im Abschreiten der Gebiete von immer neuen Standpunkten aus sichtbar würden. Wie in seinen Architekturdarstellungen, verbindet er mehrere Standorte und Blickpunkte zu einem Gesamtbild. Wölfli kannte sicher die zu seiner Zeit beliebten Panoramabilder und Ansichten von Schweizer Städten. So zeigt ein Panorama der Stadt Bern von Charles Fichot, "Vue générale de Berne. Vue prise de la Tour Goliath ou St. Christophe", eine Verbindung von Aufsicht und Ansicht, die durchaus an entsprechende Kompositionen von Wölfli denken lässt. In den Landkarten und Stadtplänen folgt Wölfli in der Anlage dem von ihm benützten Schulatlas. Verschlungene Flussläufe, Strassen und Landesgrenzen formen sich in seinen Zeichnungen zu neuen Gebilden: Gewässer schwellen zu dicken blauen Bändern an und verzweigen sich wie Baumgeäst, landschaftliche Formteile verwandeln sich in Gegenstände und Fratzen und erhalten manchmal ein anthropomorphes Aussehen. Aus Bergen, Meeren, Städten, Tieren und Menschen entstehen grossangelgte Gedankenbilder.

(Elka Spoerri)