Frühwerk 1904-1906
„Pat. vertreibt sich die Zeit mit Zeichnen.“ Krankengeschichte November 1899
„Pat. war den Sommer über sehr ordentlich, zeichnet viel Noten und komponiert, wie er sagt grössere Tonstücke.“ Krankengeschichte November 1900
„Hat den Sommer hindurch fleissig gezeichnet und jede Woche sein Bleistift verbraucht, seine Zeichnereien sind ganz blödes Zeug, ein wirres Durcheinander von Noten, Worten, Figuren, den einzelnen Bogen gibt er phantastische Namen wie Posaunenstrang, Unterschlung etc.“ Krankengeschichte 19. Oktober 1902
 Adolf Wölfli
"Die Göttliche Allmacht und Weisheit, im Zenitt", 1904 |  Adolf Wölfli
"Katholische Geisteszentrale Rom", 1905 |
Die Zeichnungen von 1904 bis 1906 bilden innerhalb des Gesamtwerkes eine in sich geschlossene Gruppe. Als eigenständiger Block von grosser zeichnerischer Qualität und bildhafter Vision sind diese Blätter der eigentliche Grundstein, auf dem sich Wölflis Kunst entwickelte. Es zeigen sich hier einerseits bereits jene formalen und inhaltlichen Elemente, welche für die Kontinuität des Schaffens wichtig werden. Anderseits hat diese frühe Gruppe dank ihrer Geschlossenheit eine eigenständige Stellung innerhalb des Werks. Hätte Wölfli nichts anderes geschaffen, würden diese frühen Zeichnungen genügen, ihm seinen Platz unter den visionären Künstlern des zwanzigsten Jahrhunderts zu sichern.
In den Zeichnungen von 1904 bis 1906 zeigt sich eine Wandlung der Komposition: Wölfli schafft einen Übergang von vertikalem zu horizontalem Format. Zudem beginnt er, eine Komposition von einem Blatt auf zwei oder vier Blätter auszuweiten. Hier kündet sich bereits seine Neigung zum Arbeiten in Serien und zum Erzählerischen an.
Um die einzelnen Formen gegeneinander abzugrenzen und um Helldunkel-Werte zu schaffen, setzt Wölfli in den Zeichnungen von 1904 - 1906 eine Vielzahl verschiedenartiger Schraffuren in karierter, getüpfelter und gestreifter Strichlage ein. Neben den von freier Hand gezeichneten Geraden und Kurven sind diese Schraffuren und Schattierungen ein Zeugnis von Wölflis grosser graphischer Gestaltungskraft. Er nennt seine Zeichnungen auch
"Kupferstiche" und "Stahlstiche" und bezeichnet sich gelegentlich als "Kupferstecher".
Das Erkennen der verschiedenen sich überlagernden Motive ist durch das dominierende ornamentale Netzwerk erschwert. Einzelne seiner Formelemente hat Wölfli selbst benannt. Grundsätzlich lassen sie sich einteilen in: Wandlungsornamente, Ornamentbänder, Füllformen, Zeichen und geometrische Formen. Diese Ornamente treten einzeln sowie vielfältig untereinander verknüpft auf.
Zu den Wandlungsornamenten gehören in erster Linie die Schnecken. Sie sind die am einfachsten gestalteten Gebilde; sie bestehen aus einem gestreckten, flachen Kreissegment mit Strich und Punkt als Auge und Ohr, manchmal auch nur mit einer Strichmarkierung. In einigen Zeichnungen gibt Wölfli ihnen Namen:(1904) "Lichter=Schnägga", "Wickel=Schneke";.(1905) "Schnee=Schnütza Schnägg", "Schnägga=Stäärn", "Schnägga=Stäärn=Ring", "Noga=Schnägga=Stäärn", "Senner=Schnägg", "Sennerin=Schnecke". Die "Schnecken" kommen einzeln, als symmetrische Paare oder in Bündeln und Bändern vor. Grössere Schneckenformen mit einem ausgeprägten Auge sehen Mäusen oder Ratten ähnlich.
Das Vögeli, später das wichtigste Element in Wölflis Formenvokabular, ist in den frühen Zeichnungen noch nicht ausgebildet; das typische Vögeli entwickelt sich in seiner endgültigen Form erst ab 1908, in den Illustrationen zu den Schriften. Die hier angedeuteten Vögeli-Formen sind den "Schnecken" sehr ähnlich; sie unterscheiden sich von ihnen einzig durch den nach oben gebogenen schnabelartigen Kopf und den leicht geschwungenen Federschwanz. Noch sind sie ohne Füsse gezeichnet. Einige Schnecke/Vogel Gebilde bezeichnet Wölfli mit Namen: "Christ=Vogel", "Spring=Brunna,=Vög'l", "General=Vöög'l", "Hebamma=Vöögali", "Musikgfass=Vögali", "Milchstrasse=Vöggali", "Siba=G'stiirn=Vöögali, "Wächter=Vögeli", "Jahrhundert=
Vogel", "D's Röösali=Vögali","Tabakfpeff'r=Zukkugs=
Vög'l", "Stäärnaa=Berg'r=Vögali". Auch reale Vögel werden genannt: "Eider=Gans", "Drossel" "Lerche", "Goldammer", "Kukuk", "Fledermaus", "Eule", "Schneegans".
Ein häufig verwendetes Wandlungsornament ist das Dreiecksgesicht, das als Füllform eingesetzt wird. In seiner einfachsten Ausprägung markieren zwei Punkte in einem Dreieck die Augen und ein Strich oder ein Kreis den Mund: ein Kürzel für Gesichter, die in allen vier Ecken der Zeichnungen angebracht sind. Diese tragen eine Art Brille, aben als Ohren gefiederte Flügel und sind oft von einem zweiten Gesicht überlagert. Dadurch entstehen Fratzengesichter, deren Nasenflügel auch als die Seitenansicht des Kopfes einer Fledermaus mit Auge und Schnauz gedeutet werden können, zumal Wölfli solche Gesichter in einigen Zeichnungen als "Fläd'r=Muus" bezeichnete. Das Auge mit einem Flügel - das gefiederte Auge - kommt auch losgelöst von dem Fledermausgesicht vor. Es kann Tiergebilden beigefügt werden, grössere Schnecken mit einem gefiederten Auge werden zu Mäusen oder Ratten. An einem Gegenstand angebracht, etwa an einer Brückenmauer, bewirkt es eine Verlebendigung des Dinghaften sowie eine Negierung der festen Bedeutungsstruktur: die Brückenmauer ist zugleich ein aus Stein gefügter Vogelkopf. Zu den Wandlungsornamenten ist auch das Schuppenmotiv zu zählen: es kann als Fischflosse, Wabenmuster oder Holzhaufen gedeutet werden. Manchmal ist es nur dekorative Füllform.
Die Ornamentbänder nennt Wölfli Ringe. Der wichtigste ist der Glöggli=Ring, der sich aus runden oder ovalen Formen zusammensetzt. Er ist, zu einem einfachen Band geknüpft, einer Perlenschnur oder dem klassischen Eierstab vergleichbar. Die Glöggli sind in vielfältiger Weise mit verschiedenen Schraffuren und Tonabstufungen versehen. Mit schraubenähnlichen zentrierten Linien werden sie zu Wollknäueln oder Rosetten. Ebenfalls den Ornamentbändern zuzurechnen sind Rosettenmuster, Pfauenaugemuster, Zickzackmuster, Backsteinmuster und Kettenmuster. Die Gliederelemente der Bänder treten auch als Einzelformen auf, etwa als Backsteinkreuz, Blitz oder Blumenrosette. Umgekehrt bilden aufgereihte Gegenstände - Glocken, Schuhe, Kegelkugel, Löffel, Hausfassaden und Menschengesichter -.wieder neue Ornamentbänder.
Zu den Zeichen gehören in erster Linie die Buchstaben: B, E, H, I, N, Z und natürlich A und W. Ursprünglich als Initialen verwendet - A.W. für Adolf Wölfli, E.B. für Elisabeth Bieri - können diese Buchstaben zu Gliederungselementen der Bildkomposition werden. Die Symmetrie von H, N und Z - oben gleich unten, rechts gleich links - macht sie als Verbindungsglieder brauchbar. In die Zwischenräume der Buchstaben, etwa in die bogenförmigen Felder des H, fügte Wölfli l905 Menschengesichter ein. Damit verdichten sich die Buchstaben und die gestalteten Zwischenräume zu Figurationen, die sowohl als Positiv- wie als Negativformen gelesen werden können. Sie sind ein Beispiel für das binäre Gestaltungsprinzip, für die sowohl-als-auch Wahrnehmungsart, die Wölfli in seinem bildnerischen Werk anwendet.
Rhomben, Drei-und Rechtecke zählen zu den geometrischen Formen, aus denen viele Ornamentbänder gebaut sind. Diese Bänder schaffen ein Gerüst von horizontalen, vertikalen und diagonalen Verstrebungen. Zu den geometrischen Einzelformen gehören das Kreuz, der Achtstern, das Quadrat, die Spirale, der Kreis und das Oval. Sowohl Gesichtsdarstellungen als auch Figurenszenen sind überwiegend von Ovalen eingefasst. Der Achtstern hat für Wölfli möglicherweise eine persönliche Bedeutung. Diese Form muss sich ihm schon in seiner Jugend eingeprägt haben: Die Kirche von Schangnau hat auf der Turmspitze einen Achtstern. Gleichzeitig hat der Achtstern eine symbolische Bedeutung als Sinnbild für Ursprung und Geburt. Wenn Wölfli dieses Motiv als Brust- und Kopfschmuck braucht, so bezieht er diesen symbolischen Aspekt ein.
Die vielen Zahlen in den Zeichnungen sind hauptsächlich als Angaben von musikalischen Rhythmen zu verstehen. Wölfli arbeitet in seinem ganzen Werk mit der Zahlenreihe 4 -, 8 -, 16 -, 32. Die Zahl 64, die letzte Zahl in dem Hexameter, schreibt Wölfli in den frühen wie in den späteren Zeichnungen nicht aus.
Die Augenmaske, ein typisches und wichtiges Motiv im Gesamtwerk, ist wie das Vögeli in den frühen Zeichnungen nicht vorhanden. Noch lässt Wölfli die Augen geradeaus blicken und nicht seitwärts wie in den Gesichtern nach 1914.
Die Szenen in den frühen Zeichnungen setzen sich zusammen aus naturalistisch gezeichneten Menschenfiguren und, Tieren, Innenraum- und Landschaftsdarstellungen. Die meisten Abbildungen von Menschen sind Porträts oder Selbstbildnisse. In den Zeichnungen von 1904 bis 1906 stellte sich Wölfli immer als Erwachsenen dar und nicht als das Kind "Doufi" wie im erzählerischen Werk.
Neben Freunden und Bekannten, zum Beispiel Elisabeth Bieri, Magdalena Reber, Rosa Schenk, sind vor allem Personen des öffentlichen, geistigen und politischen Lebens porträtiert, etwa der Dichter Jeremias Gotthelf, die Theologen Martin Luther und Huldrych Zwingli, der Wirschaftsmagnat und Gründer des Hotels Walldorf-Astoria, Johannes Jacob Astor, die Bundesräte Jakob Stämpfli und Martin J. Munzinger sowie die Bundesrichter Viktor Merz und Leo von Weber. Auch Frauengestalten aus der Bibel und aus der Geschichte sind beliebte Motive: Semiramis, Rahel, Königin Marie Antoinette von Frankreich, Königin Maria Stuart von Schottland u.a. Gott wird nicht dargestellt. Als negative Figuren treten "Räuber Hauptmann Rinaldo=Rinaldini", der Teufel und der Beelzebub auf. Alle Figuren sind mit typisierenden Attributen gekennzeichnet, die im gesamten bildnerischen Werk wiederkehren: Die Männer tragen einen Schnurrbart, eine Pfeife, einen Hut, - Sennenkappe, Zipfelmütze -, sie sind bewaffnet mit einem Gewehr, einem Säbel, einem Speer oder einem Dreizack, halten einen Stock, eine Fischrute, eine Geissel, einen Schlegel, eine Fahne oder ein Zepter. Die Frauen sind besonders durch eine betonte, oft mit einer Blume geschmückten Haartracht sowie durch eine Schürze, Stöckelschuhe, einen Spiegel, einen Muff, einen Geldbeutel oder einen Schirm charakterisiert. Manchmal halten Mann und Frau eine Frucht in der Hand. Im weiteren kennzeichnete Wölfli seine Figuren mit bestimmten, im ganzen Werk gleichbleibenden Gesten: zum Beispiel mit der zum Gruss erhobenen Hand, mit einander haltenden Händen oder mit dem auf eine Person oder einen Gegenstand weisenden Zeigefinger. Manche Figuren schwenken einen Hut in der Luft, zeigen einen Gegenstand, andere halten Blumen oder ein Tier in den Händen. Das für die Kopfdarstellungen von Mann und Frau typische Kreuz tritt in den schwarzweissen Zeichnungen nur vereinzelt in drei Blättern auf. Landschaften und Architekturen werden oft naturalistisch dargestellt. Zu sehen sind Berge und Bäume, Bauernhaus, Hotel, Schloss, Denkmal, Springbrunnen und Brücke, Tor, Arkade, Fenster, Gitter, Treppe usw. Die Innenräume sind mit Wanduhr, Leuchter und Lampe ausgestattet. Aus der Tierwelt kommen vor: Fisch, Katze, Gemse, Pferd, Kuh, Ziege, Bär und Panther.
Die häufigen Schlangen weichen von der naturalistischen Darstellungsweise der anderen Tiere ab. Die Schlange nimmt eine wichtige Stellung in Wölflis Werk ein, sie versinnbildlicht Wandlung und Wiedergeburt, Wölflis grosses Thema. Ein wichtiges Symbol ist auch das Schmetterlingsmotiv, das in der Zeichnung Mediziinische Fakultät dominiert: der Wandlungsprozess von der Raupe zur Puppe, aus welcher der Schmetterling schlüpft, macht es zum Sinnbild von Auferstehung und Wiedergeburt der von der Hülle des Körpers befreiten Seele (das griechische Wort für Schmetterling ist Psyche). Weitere Symbole sind das Ei und der ovale Spiegel.
Die frühen Zeichnungen entziehen sich einer schlüssigen inhaltlichen Deutung. Von den vielen sich überlagernden Themen und möglichen Lesearten können hier nur einzelne Teilinhalte hervorgehoben werden.
Die in den frühen Zeichnungen auftretenden Mandalas müssen als grosser Inhalt verstanden werden: An die Stelle des Chaos tritt eine einheitliche geometrische Ordnung. Was als Kreis, Oval oder als durch Zahlenordungen bestimmte Figur vorkommt, ist in Wirklichkeit kein starres, entvitalisiertes Gefüge, sondern steht als Symbol für eine Vereinigung explosiver Gegensätze, für in die Ordnung der Form gezwungene Kräfte. Wölfli schafft, wie C.G. Jung über das Mandala sagt, einen "hegenden Kreis", ein "Antidot für chaotische Geisteszustände."
Der musikalische Gehalt der frühen Zeichnungen gehört ebenfalls zum Inhalt. Das Auftreten sowohl einer symbolischen Urform wie das Mandala als auch des elementaren mathematischen Prinzip der binären Progressionen zeigt einen starken Drang zur Harmonie was Wölflis Benennung dieser Zeichnungen als musikalische Kompositionen verständlich macht. Wölfli bezeichnete die frühen Blätter als "Tonstücke" und signierte sie mit "Komponist". Mit den bekannten Formen von musikalischen Notationen haben sie allerdings wenig Ähnlichkeit: Die sechs Notenlinien sind ohne Notenzeichen. Angaben über Takt, "Musik Anfang" und "Musik Schluss" sowie Instrumentierung - Posaune, Tambour, Zimbel - sind in separate Felder eingetragen. Es könnte sein, dass die Benennung "Tonstücke" sich nur auf die verschwundenen Seiten mit Aufzeichnungen in Solmisation (wie auf der zerrissenen Seite 37) bezog, und nicht auf die Zeichnungen. Vielleicht wollte Wölfli mit den leeren Notenlinien Musik nicht als Melodie, sondernd als bildliche Darstellung des Klanges aufzeigen.
Im Jahr 1907 ereignete sich ein erstes glückliches Ereignis in Wölflis leidvollem Leben: Das Zusammentreffen mit dem jungen Arzt und Psychiater Walter Morgenthaler, der für einige Monate ein Praktikum als Volontärarzt in der Irrenanstalt Waldau absolvierte. Morgenthaler kam 1908 wieder in die Waldau, wo er bis 1910 als Assistenzarzt und von 1913 bis 1920 als Oberarzt tätig war. Er begleitete und unterstützte Wölflis Schaffen, das er noch zu Wölflis Lebzeiten dokumentierte. 1921 schrieb er als unmittelbarer Zeuge eine Monographie über Wölflis Leben und Werk, ein Pionierwerk auf dem Gebiet Psychopathologie und Kunst, das bis heute seine Gültigkeit hat. Es trägt den mutigen Titel "Ein Geisteskraker als Künstler" Erstmals wird der Patient Künstler genannt und mit seinem vollen Namen (nicht nur mit Initialen wie sonst üblich) vorgestellt.
Als Walter Morgenthaler 1907 in die Waldau kam, konnte er die frühen Zeichnungen sehen und Wölflis "Kurze Lebensbeschreibung" in den Akten lesen. Sicherlich hat er Wölfli zusätzlich über sein Leben befragt. Das Interesse des jungen Arztes muss bei Wölfli eine Beschäftigung mit der Vergangenheit ausgelöst haben, die sich bildnerisch in der Zeichnung „Felsenau, Bern“, niederschlug. Die Zeichnung ist mit Farbstiften ausgeführt, die Wölfli vielleicht von Morgenthaler erhielt, in dessen Besitz die Zeichnung kam. Dargestellt sind die damalige Spinnereifabrik Felsenau bei Bern und die landschaftliche Umgebung sowie einige ausserordentliche Naturerscheinungen, ein Komet und das Nordlicht. Die Topographie - das Fabrikgelände, der steile Zufahrtsweg, der Tunnel - entspricht genau den Gegebenheiten, die heute noch die selben sind. Auch der Komet Coggia und das Nordlicht sind für das Jahr 1870 überliefert. Die Fabrik Felsenau und die Umgebung kannte Wölfli aus seiner Kindheit, er wohnte 1870-1871 mit seiner Mutter in dem nahegelegenen Neubrück.
(Elka Spoerri)